Vergabe von GW-Punkten

Idee: Messung des Beitrags zum Gemeinwohl

Die Gemeinwohlpunkte werden für 17 messbare Gemeinwohlindikatoren vergeben, wobei Unternehmen freiwillig entscheiden, welche der Indikatoren sie in welchem Maß verwirklichen. Das bedeutet, dass die Punkte nur für freiwillige Leistungen vergeben werden, die prinzipiell über den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Die Absicht dahinter ist folgende: Heute sind die meisten Unternehmen sehr weit vom Gemeinwohlideal (bestmöglicher Umwelt- und Klimaschutz, Mitbestimmung aller, Verteilungsgerechtigkeit, Geschlechtergleichheit, höchstmögliches Maß der Wahrung der Menschenwürde) entfernt. Theoretisch kann man von heute auf morgen durch die Formulierung entsprechender gesetzlicher Standards Unternehmen dazu zwingen, sich annähernd „ideal“ zu verhalten. Doch genau das würde nicht gelingen, weil das Eigennutzstreben (der Egoismus) der Unternehmen so weit reicht, dass sie sich gegen höhere verbindliche Standards mit aller Macht zur Wehr setzen – zumindest im gegenwärtigen demokratischen System, in dem Profit das Ziel ist. Die Methode, höhere Standards unter Freiwilligkeit zu stellen, diese jedoch bei Erreichung rechtlich spürbar zu belohnen (über Steuern, Zölle, Zinsen, Aufträge etc.) könnte diese verfahrene Situation lösen. Zum Beispiel können fünf erreichbare Stufen definiert, farblich gekennzeichnet und belohnt werden, etwa durch fünf unterschiedliche Mehrwertsteuerklassen:

                                                   751 bis 1.000 Punkte  0 % MWSt
                                    501 bis 750 Punkte   20 % MWSt
                    251 bis 500 Punkte  40 % MWSt
        1 bis 250 Punkte  60 % MWSt
  bis 0 Punkte  80 % MWSt


Durch diesen Anreiz würden sich immer mehr Unternehmen beteiligen und für diese schonende politische Umsteuerung des unternehmerischen Strebens in Richtung Gemeinwohl stark machen. Die Gemeinwohlbilanz würde einen Prozess herbeiführen, der die Unternehmen beim heutigen Ist-Zustand abholt und ohne direkten Zwang „marktkonform“ in Richtung Soll-Zustand motiviert und lenkt. In diesem Prozess wirkt die Gemeinwohlbilanz als Katalysator: Je mehr Unternehmen nach Gemeinwohlkriterien wirtschaften und sich mehr und mehr den Gemeinwohlzielen annähern und diese erreichen, desto mehr Kriterien können aus der Gemeinwohlbilanz in gesetzliche Mindeststandards umgewandelt werden und den Platz frei machen für neue oder verfeinerte freiwillige Gemeinwohlkriterien. So bewegt sich die gesamte Unternehmenslandschaft auf dem Zeitvektor in Richtung Gemeinwohl. Das Zurückbleiben in der „alten Werte-Welt“ geht dann mit steigender Konkursgefahr für Unternehmen einher, weil sie immer höhere Steuern, Zölle und Zinsen zahlen und keine öffentlichen Aufträge mehr bekommen. Die PionierInnen-Unternehmen, die „Gemeinwohlmaximierer“, haben es dagegen immer leichter, weil Gemeinwohlverhalten zum Erfolg führt.
 

17 Indikatoren und ihre Bewertung

Die Matrix/Bilanz 4.1. setzt sich schon wie die Vorgängerin 4.0. aus 17 Indikatoren zusammen, die auf die fünf universale Werte (Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung & Transparenz) aufgeteilt werden. Jeder Indikator wird in einen bis vier Subindikatoren mit den unterschiedlichen Relevanzstufen niedrig, mittel und hoch unterteilt. Jeder Subindikator beschreibt einen inhaltlichen oder organisatorischen Aspekt der Frage: „Wie kann Wert X in Bezug auf die Berührungsgruppe Y gelebt werden?“ Die Bewertung eines Indikators und seiner sämtlichen Subindikatoren erfolgt in vier Abstufungen: Erste Schritte (1–10 %), Fortgeschritten (11–30 %), Erfahren (31–60 %) und Vorbildlich (61–100 %).

Wir versuchen mit den Subindikatoren einen Wert möglichst umfassend zu beschreiben. Allerdings haben sowohl das Unternehmen als auch der Auditor darüber hinaus den Spielraum, weitere Aspekte zu beschreiben und zu bewerten. Die Gesamtsumme des Indikators wird in 10-Prozent-Schritten angegeben, z.B. ist A1 „Ethisches Beschaffungsmanagement“ zu 10 %, 30 % oder 70 % erfüllt.


 

Kreativitäts- und Bewertungsspielraum

Die in der Matrix enthaltenen Gemeinwohlindikatoren sollen Unternehmen nicht davon abhalten, selbst Mittel und Wege zu suchen, dem Gemeinwohl zu dienen. Deshalb sollen sie sich neben der Erfüllung der einzelnen Indikatoren immer die „Globalfrage“ stellen: „Wie kann ich den Wert X in Bezug auf die Berührungsgruppe Y am besten erfüllen und fördern?“ Durch das gemeinsame Suchen werden laufend neue und präzisere Indikatoren, Kriterien und Beispiele gefunden. Die Matrix erleichtert diese Suche durch die Formulierung von 17 Indikatoren: Diese formulieren Ziele (z.B. „Innerbetriebliche Demokratie“) und geben für die konkrete Umsetzung nur Beispiele an (z.B. „Soziokratie“ in diversen Abstufungen), belassen aber die Möglichkeit, eigene, neue, gleichwertige Umsetzungsschritte zu finden. Dadurch wird den Unternehmen ein gewisser Kreativitätsspielraum und den Gemeinwohl-AuditorInnen (s.u.) ein gewisser Bewertungsspielraum belassen. Die Bilanz gibt damit nicht nur „starre“ Kriterien vor, sondern erlaubt auch ein gewisses Maß an Flexibilität, damit die Unternehmen ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Idee leisten können. Wichtig ist, dass die Richtung stimmt.
 

Maximum 1000 Punkte

In Summe ergeben alle Kriterien maximal 1000 Punkte. Pro Kriterium können maximal 90 Gemeinwohlpunkte erreicht werden. Die Gemeinwohlbilanz wurde so entwickelt, dass sie für Unternehmen a) jeder Größe, b) jeder Branche und c) jeder Rechtsform anwendbar ist – vom EPU und gemeinnützigen Verein über den  mittelständischen Familienbetrieb bis zum börsennotierten Konzern oder der öffentlichen Universität. Das derzeit angewandte Punktebewertungsverfahren ist möglicherweise nicht die beste Methode zur Messung des Gemeinwohls, u.a. weil es Kompensationseffekte (z.B. Aufwiegen ökologischer Schäden durch zusätzliche soziale Maßnahmen) möglich macht, was in der Nachhaltigkeitsdiskussion kritisch hinterfragt wird. In Zukunft wollen wir diese Bedenken bei der Weiterentwicklung des Instruments berücksichtigen. Im ersten und zweiten Bilanzjahr hatten die „besten“ Unternehmen zwischen 550 und 675 Punkte. Wir gehen davon aus, dass ein „normales“ Unternehmen, das sich bisher nicht besonders um das Gemeinwohl gekümmert hat, wahrscheinlich zwischen minus 100 bis plus 100 Punkte bekommen würde. Das scheint uns ein realistischer Vergleichsmaßstab zu sein. Kein Unternehmen ist in allen Bereichen vorbildlich und es sollten im Hinblick auf die Gesamtpunktezahl von 1000 keine überhöhten Erwartungen gestellt werden. In den ersten Jahren wollen wir zudem nicht die Punktezahl in den Vordergrund stellen, weil der Prozess und Bericht Vorrang haben vor der Bepunktung, sowohl die Indikatoren als auch die Punkteverteilung sich in den ersten Jahren noch signifikant verändern, auch der Auditprozess sich noch verfeinert und die AuditorInnen dazulernen.
 

Negativkriterien

Das Problem, dass manche extrem gemeinwohlschädigenden Verhaltensweisen derzeit rechtlich legal sind, wird durch Negativkriterien gelöst: Wer zum Beispiel die Menschenrechte oder ILO-Kernarbeitsnormen verletzt, feindliche Übernahmen durchführt, Atomstrom erzeugt, Gewinne in Steueroasen deklariert und dadurch Steuern minimiert, Saatgut gentechnisch manipuliert oder Großkraftwerke in ökologisch sensiblen Regionen baut, erhält zwischen 100 und 200 Minuspunkte.
 

Unterschiedliche Unternehmen

Um eine Versionen-Flut zu vermeiden, gibt es derzeit nur eine einzige Bilanz, die für alle Unternehmenstypen gilt: EPU, Bauernhof, Dienstleister, Familienbetrieb, Mittelständler, öffentliches Unternehmen oder Weltkonzern. Da es jedoch eine Vielfalt an Besonderheiten bei jedem Unternehmen gibt und diese zu berücksichtigen sind, haben wir begonnen, innerhalb jedes Indikators zu differenzieren. Bei der aktuellen Matrix 4.1 hat diese Differenzierung nach sechs Aspekten begonnen:
■ nach der Unternehmensgröße (orientiert an der Definition der EU-Kommission)
■ nach Schwellenwerten für Umsatz und Jahresbilanzsumme
■ nach Branche (Orientierung an NACE-Sektorenaufteilung1)
■ nach regionalen Risken
■ nach der Position in der Wertschöpfungskette (B2B, B2C etc.)
■ nach der Marktmacht des Unternehmens

Desweiteren werden Leitfäden für besondere AnwenderInnengruppen erarbeitet. Derzeit gibt es schon einen Leitfaden für EPU (Ein-Personen-Unternehmen). Zusätzlich gibt es zwei Arbeitsgruppen für Universitäten und Gemeinden. Im Laufe der Zeit werden aus den Leitfäden besondere Handbücher, welche die Übersetzung der Universalbilanz/-matrix auf besondere Anwendungsfelder vornehmen. Hier ist auch die Mitarbeit der jeweiligen PionierInnen gewünscht. Derzeit bestehen diese Arbeitsgruppen aus jeweils einer RedakteurIn, einer AuditorIn und einer VertreterIn der besonderen Branche. Die Matrix selbst soll eine Universalbilanz bleiben, d.h. eine Matrix für alle Unternehmen und Organisationen.